Wie realistisch ist die Idee vom bedingungslosem Grundeinkommen?
Ist das Grundeinkommen finanzierbar?
Wäre das Grundeinkommen ein Magnet für Armutsflüchtlinge aus aller Welt?

 

 


„Das Schlaraffenland". Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren

 

Pro und Contra Grundeinkommen und Bürgergeld

Ein Grundeinkommen für alle?

Gehört dem bedingungslosen Grundeinkommen die Zukunft?

von Manfred Julius Müller

 

 

Warum überhaupt ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Bereits vor ca. 25 Jahren veröffentlichte ich in Zeitschriften die Idee eines staatlich gewährten Grundeinkommens für alle, finanziert über die Mehrwertsteuer. Von vornherein habe ich dies aber als futuristische Vision dargestellt, deren Umsetzung in der heutigen Zeit nicht zur Debatte stehen kann.

Meine Idee war eine Antwort auf die schon lange geäußerten Befürchtungen, dass der Welt durch immer bessere Produktionstechniken allmählich die Arbeit ausgehe. Eine solche Gefahr sehe ich noch lange nicht, weil eben mit der verbesserten Produktivität auch der Wohlstand und die Ansprüche steigen.
Die in einigen Bereichen entfallende Arbeit entsteht in der Regel an anderer Stelle neu, etwa bei der Herstellung von Produkten, an die vorher noch keiner gedacht hat (Computer, Handys, Navigationsgeräte usw.).

Dieser evolutionäre Prozess vollzieht sich bereits seit Jahrtausenden, im Großen und Ganzen zum Wohle der Menschheit. Eine Abkehr dieses Prinzips wird eigentlich erst erreicht, wenn Androiden soweit ausgereift sind, dass sie sich selbst reproduzieren können und eine echte Konkurrenz für den Menschen darstellen. Eine solche Vision ist aber reine Zukunftsmusik, niemand weiß, ob es jemals so weit kommt (die Machbarkeit ist immerhin wahrscheinlich).

Vor allem kann heute niemand abschätzen, wie das Kapital auf solche umwälzenden Möglichkeiten reagiert. Das Kapital funktioniert bislang in einem Kreislauf: Menschen stellen Produkte her, werden dafür entlohnt und kaufen mit diesem Geld wiederum andere Produkte.
Wenn dieser Kreislauf nicht mehr existiert, verliert das Kapital seine Motivation. Wenn nur noch (oder hauptsächlich) Maschinen und Androiden Produkte herstellen, würde ja die Menschheit vom Kapital ausgehalten. Eine solch soziale Einstellung steht aber im krassen Widerspruch zum Kapital, es wird/kann vermutlich so nicht funktionieren.

 

Ein Grundeinkommen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können?

Bei meiner damaligen Präsentation des steuerfinanzierten Grundeinkommens für alle verfolgte ich noch einen zweiten wichtigen Aspekt: Die Vision sollte Möglichkeiten aufzeigen, die Wettbewerbsverzerrungen durch das globale Lohndumping einzudämmen. Denn wenn in einem Hochlohnland jedermann ein Grundgehalt bezieht (wovon er bereits notdürftig leben kann), darf der Reallohn entsprechend niedriger ausfallen. Die Standortnachteile gegenüber den Billiglohnländern könnte sich dadurch erheblich verringern.

Bevor allerdings das Grundgehalt für alle überhaupt einen Sinn macht, müssten zunächst einmal die viel naheliegenderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. Gemeint ist damit die Umfinanzierung der Sozialkassen über die Mehrwertsteuer.
Wie im Januar 2007 bereits geschehen, müssten alle paar Jahre weitere Schritte erfolgen: Also Mehrwertsteuern um 3 bis 4 % anheben, im Gegenzug die Beiträge zur Krankenversicherung reduzieren. Das Gleiche kann man dann anschließend mit der Rentenversicherung, Pflege- und der Arbeitslosenversicherung durchziehen. Durch diese „
Lohnkostenreform" würden die Arbeitskosten in Deutschland also beständig sinken, gleichzeitig würden die Importe wegen der steigenden Mehrwertsteuer teurer werden.

Erst wenn eine derartige Lohnkostenreform vollendet wäre, könnte man auf gleichem Wege fortfahren und allmählich ein allgemeines Grundgehalt für jedermann (auf niedrigstem Niveau) aufbauen. Am Ende wären dann spezielle Sozialhilfen usw. weitgehend überflüssig. Niemand bräuchte sich mehr arbeitslos melden, niemand müsste arbeiten, wenn er es nicht wollte. Jeder bräuchte nur soviel tun, wie er zur Erreichung seines persönlichen Lebensstils benötigt.

 

Die problematischen Verlockungen des Grundeinkommens...

Das allgemeine Grundgehalt schafft aber leider auch Probleme, die zuvor gelöst werden müssten. Die heute favorisierte allgemeine Zuzugsfreiheit von Ausländern könnte kaum aufrechterhalten werden (es sei denn, in vielen anderen großen Ländern würde ebenfalls ein Grundgehalt eingeführt).
Weil ein arbeitsfreies Grundgehalt ansonsten wie ein Magnet wirken würde und aus allen Ländern Migranten kämen, um sich hier ein feines Leben zu machen.

Unbekannt ist noch, wie sich das Grundgehalt auf den allgemeinen Arbeitseifer auswirkt. Einerseits trägt das Grundgehalt sicher dazu bei, die Arbeitswelt zu humanisieren (weil ja niemand mehr unbedingt arbeiten muss).
Aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen. Es kann durchaus sein, dass sich die Arbeitsmoral im Laufe von Jahrzehnten stark verschlechtert und es sich immer mehr Menschen in der sozialen Hängematte bequem machen. Das würde schließlich zu einer neuen Spaltung der Gesellschaft führen, die Schere zwischen Arm und Reich würde größer.

Um diese Problematik zu minimieren und der Bevölkerung einen ausreichenden Anreiz zur Arbeitsaufnahme zu bieten, müsste das Grundgehalt spartanisch niedrig bemessen sein. Trotzdem kann aber erst ein Praxistest die konkreten Folgen und Gefahren aufzeigen.

 

Ist das bedingungslose Grundeinkommen überhaupt finanzierbar?

Theorie und Praxis sind oft Zweierlei. Theoretisch dürfte eine Finanzierung eines Grundeinkommens keine unüberwindbaren Schwierigkeiten bereiten, da heute schließlich auch schon ein Gutteil der Bevölkerung über den Staat und die Sozialkassen versorgt wird (Hartz IV, Renten, Kindergeld usw.). Die zusätzlichen Aufwendungen an all diejenigen, die heute leer ausgehen, ergeben keine echte Mehrbelastung, da es sich um eine Umfinanzierung handelt (entsprechend dem Grundeinkommen sinkt der Reallohn, die Arbeitskosten erhöhen sich nicht).

Unkalkulierbar sind aber die schon erwähnten Problemfelder Zuwanderung und abnehmende Arbeitsmotivation. Was geschieht, wenn immer mehr Menschen ganz aus dem Arbeitsleben ausscheiden möchten? Ein zusätzliches Problem ergibt sich aus der Mehrwertsteuer - je höher sie ausfällt und je größer die Unterschiede zum benachbarten Ausland, desto stärker auch die Betrugsanreize. Dieser Gefahr müsste mit verstärkten Kontrollen entgegengewirkt werden. Ich bin durchaus für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer im Rahmen der Lohnkostenreform, aber man darf es natürlich nicht übertreiben und muss sich vorsichtig an die Schmerzgrenze herantasten.
Alternative Finanzierungsmodelle (zum Beispiel eine generelle Lohnsteuer von 40 %) lösen nicht diese Grundprobleme, sondern führen vermutlich zu einer Eliten-Vertreibung. Es droht die Gefahr einer negativen Auslese: Die Hochqualifizierten und Strebsamen zieht es wegen besserer Perspektiven ins Ausland, die Leistungsschwachen und Bequemen verbleiben.

 

Die Diskussion über das Grundeinkommen kommt viel zu früh!

Hätte ich Anfang der 1990er Jahre geahnt, wie meine zukunftsferne Vision von manchen Leuten aufgegriffen, missverstanden und unbedacht vermarktet wird, hätte ich den Abdruck meiner diesbezüglichen Artikel sicher verworfen. Denn solange es noch gute reale Möglichkeiten gibt, die Probleme wie Massenarbeitslosigkeit, schlechte Reallohnentwicklung, hohe Staatsverschuldung usw. zu lösen und solange uns die Arbeit eben nicht ausgeht, schaden utopische Wunschbegehren.

Unrealistische Forderungen drängen die wirklich machbaren und notwendigen Reformen in den Hintergrund &endash; es sind im Grunde Geisterdiskussionen, die vom wirklich Machbarem ablenken.

 

Hintergrund & Analyse:
Die Vor- und Nachteile des bedingungslosen Grundeinkommens
Was ist ein steuerfinanziertes Grundeinkommen, Grundgehalt oder Bürgergeld?
Wer oder was ist soziale Gerechtigkeit?
Warum sinken seit 1980 die Reallöhne?
UN-Migrationspakt: Darf sich heute jeder das Land seiner Träume aussuchen?
Trügerischer Wirtschaftsboom: Wann zerfällt das Kartenhaus aus Billiggeldschwemme, Nullzinspolitik und Währungsdumping?
Steckt der Kapitalismus in der Krise?
Das Netzwerk kapitalistischer Propaganda …
Wir leben in einer von Lobbyisten durchdrungenen Demokratie!

Startseite www.grundeinkommen-buergergeld.de
© Dieser Text ist die Zusammenfassung einer Studie des Wirtschaftsanalysten und Publizisten Manfred J. Müller aus Flensburg
. Erstveröffentlichung 2008. Impressum

 

Ja, in Deutschland geht es uns besser als in den meisten anderen Staaten …
Aber dennoch muss man feststellen, dass es dem Durchschnittsbürger heute schlechter geht als vor 40 Jahren. Weil die Löhne und Renten gesunken sind und die Arbeitslosenzahlen sich trotz tapfer vermeldeter Scheinerfolge vervielfachten. Dieser Trend ist paradox, denn de Produktivität hat sich schließlich Jahr für Jahr weiterentwickelt.

Anstatt nun alles schönzureden und sich im Wohlgefallen zu suhlen, sollte man versuchen, das seltsame Phänomen zu entschlüsseln. Was lief falsch, wie kommt es zu diesem rätselhaften, schleichenden Niedergang? Wir müssten doch eigentlich dank genialer technologischer und wissenschaftlicher Fortschritte heute in einer 20-Stunden-Woche mehr erwirtschaften als 1980 in einem Vollzeitjob! Und bei etwas mehr strategischem Denken hätten wir längst auch den Klimawandel im Griff haben müssen! Zumindest was die nationalen Ziele betrifft.

Aufgabe des unkonventionellen Kontrabuches ist es, die vielen Widersprüche in einer lesbaren Zusammenfassung aufzuzeigen, die Finger in die Wunden der Arglosigkeiten, Vorurteile und Irrlehren zu legen und neue Wege aufzudecken. Das Erstaunliche dabei: Es sind überhaupt keine revolutionären Umbrüche vonnöten, um das Schiff wieder auf Kurs zu bringen! Das behutsame Drehen an einigen entscheidenden Stellschrauben genügt, um langfristige Veränderungen einzuleiten und das eingerostete Uhrwerk des natürlichen Wohlstandswachstums wieder in Gang zu bringen.

… NEU:

Kapitalismus, Zollfreihandel, Globalisierung:
DAS KONTRABUCH
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Bereits 1993 stellte M. J. Müller die Idee des mehrwertsteuerfinanzierten Grundeinkommens der Öffentlichkeit vor.